Auszug aus dem Buch „Profile aus dem Rhein-Sieg-Kreis“
„Ein Grabmal zu gestalten, bedeutet ein Zeichen zu setzen.“ (Bruno Harich)
Bruno Johannes Harich, der Steinmetz und Steinbildhauer, schaut auf die vor ihm liegenden Schulhefte, auf die Blockflöte und auf den Kuschelbär. Er ist sehr ruhig und nachdenklich geworden. Die persönlichen Sachen haben trauernde Eltern zu ihm gebracht, die einen Grabstein für das verstorbene Kind in Auftrag geben wollen. Das Vertrauen zwischen Auftraggeber und Steinmetz spielt eine ganz wesentliche Rolle. „Wir werden mit sehr vielen individuellen Schicksalen konfrontiert“, erklärt der Steinmetz. Bruno hinterfragt bei den Hinterbliebenen die wichtigsten Charaktereigenschaften und Vorlieben dieses Menschen, „denn es besteht die Möglichkeit, für jeden Menschen ein individuelles Denkmal durch die Elemente Material, Form, Symbolik und Inschrift zu gestalten“. Zuerst werden Entwurfsskizzen im Maßstab 1:10 gefertigt, später erwächst daraus eine 1:1-Zeichnung, um die unterschiedlichen Details bezüglich der Ornamentik des Grabdenkmales heraus zuarbeiten. Der Spezialist kennt sein Metier und räumt bescheiden ein, immer die passenden Ideen für den speziellen Einzelfall vorweisen zu können. Auf eine wesentliche Besonderheit macht der Künstler aufmerksam, „denn unsere Grabsteine sind unser geistiges Eigentum und somit urheberrechtlich geschützt“. Für ihn sei es eine höchst persönliche Herausforderung, stets eine andere Form von Grabsteinen zu kreieren, damit sichergestellt bleibt, „dieser Grabstein ist auf diesem Friedhof einzig“. Bruno ist ein Meister seines Faches, der „auf kunsthistorischem Gebiet arbeitet“, denn „Kunst ist für mich fachliches Können“.
Heinz-Alois und Bruno Harich sind Brüder. Von sich selber sagen sie, dass sie total unterschiedlich seien, weshalb sie sich auch so gut verstehen. Heinz-Alois wollte schon sehr früh in die Fußstapfen seines Vaters Alois treten und den Beruf Steinmetz erlernen. Der Vater förderte dieses Ansinnen seines Sohnes, denn als Chef eines Unternehmens hat er stets im Sinne des Familienunternehmens zu denken und zu planen. Aus diesem Grunde hat er sich immer gewünscht, dass der erstgeborene Sohn später einmal die Firma übernehmen könnte. Der jüngere der beiden hat auch als Kind „an Steinen herumgearbeitet“, denn Bruno wollte just wie sein Bruder den seit über 7000 Jahren bestehenden Kunstberuf Steinmetz erlernen. Im Jahre 1993 wurde die Firma in eine GmbH umgewandelt, und die Geschäftsanteile je zur Hälfte auf die beiden Meister Heinz-Alois und Bruno aufgeteilt, die nun als geschäftsführende Gesellschafter fungieren. Vater Alois trat in das zweite Glied zurück und war seinen Söhnen nur noch ein guter Berater in allen geschäftlichen Lebenslagen.
Doch der Weg zu einem florierenden Unternehmen war nicht einfach. Er war für die gesamte Familie über viele Jahre mehr als steinig. Vater Alois Harich war Sudetendeutscher und wurde am 8. September 1916 in Niklasdorf geboren. Nach seiner Schulausbildung wurde er Steinmetz. Der Zweite Weltkrieg veränderte auch sein Leben: mit 28 Jahren war er am Russland-Feldzug beteiligt, war mit Hitler`s 6. Armee in Stalingrad und geriet dort in russische Kriegsgefangenschaft. Aus der Inhaftierung wurde er im Frühjahr 1947 entlassen. Nur mit einem Lodenmantel bekleidet traf er als Vertriebener im Ortsteil Eischeid von Neunkirchen ein, da er hier seinen Bruder besuchen wollte. Er blieb – und als Knecht fand er bei den Bauern Peter und Wilhelm Eich auf dem Eich-Hof in Höfferhof vorerst Arbeit und Brot. Die Bürger von Eischeid waren streng katholisch und für diese Menschen war Alois Harich „ein Fremder, ein Mann, von dem man nichts wusste“. Doch das Schicksal führte den Heimkehrer auf einen anderen Lebensweg: Bei einer dörflichen Tanzveranstaltung erblickte er „seine“ Christine, geb. Krill, die am 20. Januar 1924 in Hülscheid geboren und streng katholisch erzogen wurde. Diese Erziehung brachte beiden jungen Leuten erhebliche Probleme. Christine und Alois heirateten am 7. Mai 1949 in Neunkirchen. Direkt nach der Heirat arbeitete Alois in einem Steinbruch im Wahnbachtal. Dann folgten sieben Jahre lang wechselnde Anstellungen als Steinmetz und Steinbildhauer in Köln, Troisdorf und Lohmar.
Als Ein-Mann-Betrieb meldete Vater Alois am 7. Mai 1958 bei der Gemeinde Neunkirchen seinen Steinmetz - Betrieb in Eischeid an. Einige Monate später wurde Sohn Heinz-Alois geboren. Unterschlupf fand die junge Familie bei den Großeltern im Ortsteil Eischeid. Der Firmengründer arbeitete an vielerlei Projekten und seine fleißige Arbeit trug auch erste Früchte. Menschlicher Neid in seiner näheren Umgebung führte dazu, dass er angezeigt wurde, denn es kristallisierte sich heraus, dass er keine Meisterprüfung abgelegt hatte. Wie denn auch? Von Amts wegen wurde seine Kriegszeit angerechnet und mit einer Ausnahmegenehmigung durfte er fortan als Meister und Selbständiger arbeiten. Angefangen hat alles in der Scheune des Schwiegervaters Johann Krill. Alois und Christine schufteten den ganzen Tag. Unterstützung gab es durch einige Hilfskräfte. Vater Alois hat in der schweren Anfangszeit für ansässige Steinmetze aus Lohmar Grabeinfassungen gefertigt. Dieses Terrazzomaterial wurde nachts verarbeitet, wenn die Kinder im Bett lagen und schliefen, denn die Mutter half ihrem Mann auch bei dieser schweren Arbeit. Der älteste Sohn erinnerte sich noch gut daran: „Unsere Mutter hat gearbeitet wie ein Mann, hat den Betrieb mit aufgebaut und sechs Kinder, zwei Jungen und vier Mädchen, groß gezogen und liebevoll versorgt. Die alte Scheune wurde Ende 1965 abgerissen, eine neue Werkstatt dafür gebaut. Heinz-Alois musste regelmäßig samstags mit auf die Baustellen fahren, später war auch Bruno an der Reihe. „Wir Kinder mussten immer mit anfassen, Material tragen oder sonstige Arbeiten ausführen“, sagten die beiden Meister rückblickend. Genau zu diesem Zeitpunkt wurden Maschinen angeschafft und auf die eigene Herstellung und Bearbeitung von Natursteinen umgestellt, die ein bekannter Importeur in großen Quadern aus den bekanntesten Herkunftsländern anlieferte.
Heinz-Alois, geboren am 18. Juli 1958 in Neunkirchen, besuchte später neun Jahre lang die Volkschule. Seine Lehre als Steinmetz absolvierte er bei einer Steinmetzfirma in Bonn - Beuel von 1973 bis 1976. Vater Alois wollte nicht, dass sein Sohn im eigenen Betrieb ausgebildet wird. Nach der Lehrzeit rief der Bund nach ihm. Gleich danach war er schon im elterlichen Betrieb als erster Angestellter tätig und arbeitete mit dem Vater zusammen. Auf seine Meisterprüfung bereitete sich Heinz-Alois dreieinhalb Jahre lang in der Abendschule vor, fuhr drei Mal pro Woche nach Düsseldorf zum Unterricht. Seinen Meisterbrief erhielt er von der Handwerkskammer Köln im Dezember 1982 ausgehändigt.
Bruno Harich kam am 13. Juni 1967 in Neunkirchen auf die Welt. Mit einer Schulzeit von zehn Jahren in der Hauptschule Neunkirchen erhielt er die Mittlere Reife zuerkannt. Vater Alois wollte vom Grundsatz her nicht, dass der zweite Sohn Steinmetz wird. Aber Bruno setzte sich durch und lernte genau diesen Beruf bei der Firma Maximini in Bonn in der Zeit von 1983 bis 1986. Auch bei Bruno hatte Vater Alois seine Verbindungen spielen lassen, und ihm diese Lehrstelle besorgt. „Ich habe über 30 Bewerbungen geschrieben – leider Fehlanzeige“. Danach arbeitete er unverzüglich im elterlichen Betrieb. Seine Vorbereitung auf die Meisterausbildung fand, ebenfalls wie die seines Bruders, in der dreieinhalbjährigen Abendschule in Düsseldorf statt. Seinen Meisterbrief als Steinmetz und Steinbildhauer erhielt er im November 1991 in Düsseldorf als einer der jüngsten Steinmetz und Steinbildhauer ausgehändigt.
Bruno ist mit Claudia, geb. Fischer, seit dem 29. Juli 2000 verheiratet; die kirchliche Trauung wurde in der Katholischen Kirche St. Margaretha in Neunkirchen gefeiert, die standesamtliche Trauung fand im Bonner Rathaus am 28. Juli 2000 statt. Claudia ist Dipl.-Kauffrau. Beide haben einen Jungen Joshua und zwei Mädchen Anna-Lena und Jana.
Wir schreiben den April 1978: Heinz-Alois stieg nach Abschluss seiner Lehre sofort in den Familienbetrieb ein. „Unser Vater war sehr dominant“, so weiß der älteste Sohn zu berichten, „er gab arbeitsmäßig alles vor“. Einen Feierabend gab es nicht, „wir waren immer am arbeiten“. Erst jetzt kaufte Vater Alois einen Lkw, bis dato wurde alles mit einem Pkw und einem Anhänger transportiert. Das Jahr der großen Investitionen war 1978, es wurden eine gebrauchte Natursteinsäge und ein Gabelstabler angeschafft. Im Betrieb stellte der Vater die Produktion auf Rohmaterial um. „Die notwendigen Platten musste ich selber beim Händler abholen“, sagte Heinz-Alois. Ab 1982 wurden auch Gesellen eingestellt. In Spitzenzeiten arbeiteten Vater Alois, Sohn Heinz-Alois, zwei Gesellen und ein Azubi in der Werkstatt. Mutter Christine war für die gesamte Büroarbeit zuständig.
Im Juni 1986 war es soweit: auch Bruno kam unmittelbar nach Lehrabschluss in die elterliche Werkstatt und führte nach Weisungen des Vaters die Kundenaufträge aus. Ursprünglich wollte Bruno nicht im väterlichen Betrieb einsteigen, er träumte von der eigenen Selbständigkeit. Vater Alois versagte seinem Sohn diese gedanklichen Irritationen. Der Jüngste konnte sich noch gut an diese Zeiten erinnern. Arbeiten am Samstag war für alle Mitarbeiter ganz normal. „Ich musste unter sehr harten Bedingungen arbeiten“. Dennoch, Vater Alois hat Bruno sehr viel beigebracht, „ich verdanke ihm wirklich sehr viel“. Doch er war von seiner Neigung her ein sehr geschickter Handwerker, betrachtete das Steinmetz- und Steinbildhauergewerbe als ein „kunsthistorisches Handwerk“. Da blieb ein fachliches Kompetenzgerangel zwischen Vater und Sohn nicht aus und manche gefertigte Arbeit von Bruno wurde vom Vater zunächst belächelt. Bruno war auch derjenige, der „den schlanken Stein“ favorisierte und auch fertigte. Stelen nannte der Spezialist diese Grabsteine; für seine spezielle Arbeit wurde er allerdings immer nur beschmunzelt. Eines Tages kam ein Kunde in die Firma, sah diese Stelen und entschied sich für die Arbeit des Künstlers. Der Durchbruch war erreicht und Vater Alois schwenkte um und beschäftigte sich mit dem Gedankengut seines Sohnes Bruno, dessen Steinentwürfe nun immer größeren Anklang fanden. “Nur einer hat mich niemals kritisiert, das war mein Bruder Heinz-Alois“.
Nach 52 Ehejahren verstarb Vater Alois am 15. Juni 2001.
Wie ging es weiter mit dem Steinmetz - Unternehmen?
Heinz-Alois und Bruno sorgten im Frühjahr 1993 für die Grundsteinlegung eines Werkstatt-Neubaues. Dieser war dann im Winter 1993/94 komplett eingerichtet. Es wurden weitere Spezialmaschinen gekauft und die CNC-Technik dominierte die Arbeitsabläufe.
Gleichzeitig wurde die Ausbildung der Lehrlinge intensiviert, welches sich dann auch in den hervorragenden Prüfungsergebnissen der Auszubildenden wiederspiegelte. Eine alte Gärtnerei in der alten Lohmarer-Straße, direkt am Nordfriedhof in Siegburg, kauften die Brüder im Frühjahr 2002 und eröffneten auf dem Gelände am 17. Juli 2004 eine Zweigstelle.
Der Bereich für Steinpräsentationen auf dem Firmengelände wurde das gesamte Jahr 2006 über ausgebaut und effizienter gestaltet. Rund 100 Grabsteine in differenzierten Gestaltungselementen werden dort den Kunden präsentiert und verdeutlichen eindrucksvoll dieses schöne und sehr alte Handwerk.
An einem Wochenende im Jahre 2008, Samstag 31. Mai und Sonntag 1.Juni feierte die Steinmetzwerkstatt an zwei Tagen ihr 50-jähriges Firmenjubiläum unter Mitwirkung ortansässiger Musikvereine wie zum Beispiel dem Quartettverein Eischeid, dem Hermerather Kinderchor, des Gospel-Chores „Freedom“ und einem Vortrag des Geologie-Professors Dr. H. Ristedt zum Thema: Steinerne Zeitzeugen - die geologische Entwicklung am Rande des Bergischen Landes.
Ein rundum gelungenes Fest, welches auf ein sehr großes Interesse in der Bevölkerung stieß.
Seit Anfang 2009 hat sich das vielfältige Repertoire des Meisterbetriebes, unter der Leitung von Bruno Johannes Harich, nun als alleinigem Geschäftsführer, maßgeblich in die kunsthandwerkliche Richtung weiterentwickelt.
Auszug aus dem Buch:
Profile aus dem Rhein-Sieg-Kreis
erschienen im Jahr 2008 im Verlag Elmar Zinke, Tannhöfer Allee 21, 19061 Schwerin
Autoren: Sigrid Jo Gruner und Michael Blesin
ISBN Nr.:3-932746-86-4
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